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05.01.2011

Überall reichlich Arbeit für Juristen

Es ist erschreckend: Die meisten Verträge formuliert der Lieferant. Einkäufer geben hier wichtige Gestaltungsmöglichkeiten und Vorteile aus der Hand, sagt Sabrina Keese, Partnerin und Leiter Compliance-Projekte, bei Kerkhoff Consulting im Gespräch mit Beschaffung aktuell. Dabei gibt es überall reichlich Arbeit für Juristen: Vertragsrisiken, Wertgrenzen für Einkäufer, Kartellrechtsfragen und Verhaltenscodices sind einige Beispiele.

Beschaffung aktuell: Frau Keese, wir haben gerade die Ergebnisse unserer Leserbefragung ausgewertet. Demnach wünschen sich die Leser noch mehr Beiträge zum Thema „Recht“. Ist es wirklich schon so, dass der Einkäufer gar keinen Schritt ohne Rechtsanwalt tun kann?

Sabrina Keese:
Die Bedeutung rechtlicher Fragen hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen – vor allem im Einkauf! Denn im Einkauf kommt es immer wieder zu Korruption, im Großen wie im Kleinen. Häufig ist Einkäufern gar nicht deutlich, wo sie sich in rechtlichen Grauzonen befinden. Darum ist es aus meinem Verständnis heraus unerlässlich, dass Unternehmen klare Verhaltenslinien definieren. Dies darf nicht im stillen Kämmerlein einer Anwaltskanzlei passieren – mit dem Ergebnis, dass die juristischen Pamphlete keiner versteht! Dies muss direkt in den Einkaufsabteilungen gemeinsam mit den Einkäufern stattfinden.

Beschaffung aktuell: Müssen künftige Einkäufer neben betriebswirtschaftlichen und technischen Kompetenzen nun auch juristische vorweisen?

Keese: Die Kernkompetenz von Einkäufern kann nicht die Juristerei sein. Einkäufer müssen aber heute die Offenheit haben, mit Juristen zu sprechen, um Fallstricke im Einkaufsprozess offen zu legen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Die meisten Verträge gibt Ihnen Ihr Lieferant vor. Einkäufer können häufig gar nicht erkennen, welche juristischen Vorteile Lieferanten in Vertragswerke einbauen, die anschließend vom Einkäufer akzeptiert werden.

Beschaffung aktuell:
Haben Sie „Einkauf“ gelernt, immerhin arbeiten Sie für eine Einkaufsberatung?

Keese: Als Partnerin der Anwaltskanzlei Blasius & Kollegen berate ich Mandanten in allen Fragen des Vertragsrechts, Schwerpunkt Einkauf. Da lag der Schritt zu Kerkhoff Consulting sehr nah. In der Beratung haben mein Team und ich einen deutlichen Vorteil gegenüber klassischen Anwaltskanzleien: Wir arbeiten direkt mit den Einkaufsberatern zusammen, die alle Einkaufsprozesse kennen und die Sprache der Einkäufer sprechen. Dies ermöglicht es uns, juristische Texte optimal auf Einkaufsprozesse abzustimmen und gleichzeitig in einer Sprache niederzulegen, die auch alle verstehen können. Nichts ist schlimmer als Richtlinien in Juristendeutsch, die nur andere Juristen verstehen.

Beschaffung aktuell: Nicht jedes Unternehmen hat einen Syndikus. Worauf sollte ein Einkäufer achten, der sich juristischen Rat beschaffen muss?

Keese: Ein Syndikus muss nicht immer ein guter Compliance-Chef sein. Das ist vielmehr kontraproduktiv, denn das würde bedeuten, dass sich der Syndikusanwalt in Compliance-Fragen selbst kontrolliert. Wenn ein Unternehmen diese Ressource intern nicht aufbauen kann und will, gibt es spezialisierte Kanzleien für Rechtsberatung oder ein Beratungsteam für den Aufbau eines Compliance-Systems wie bei Kerkhoff Consulting.

Beschaffung aktuell: Sie leiten Compliance-Projekte. Wenn wir uns ein „Compliance-Gericht“ kochen, nehmen wir als Zutaten ein gerüttelt Maß an Ökologie, reichlich soziale Rücksichtnahme – Kinderarbeit zum Beispiel schmeckt bitter – sowie eine Prise Vertragstreue. Was nehmen Sie?

Keese: Unsere Compliance-Definition: Es geht hier nicht um Moralvorstellungen, sondern um die Einhaltung aller rechtlichen Vorgaben, an die sich ein Unternehmen halten muss. Denken Sie an Bereiche wie Vertragsrisiken, Wertgrenzen für Einkäufer, Kartellrechtsfragen oder einen Verhaltenskodex, wenn Korruption aufgedeckt wird. Für diese und weitere rechtliche Risiken ist ein Compliance-Modell zu bauen, welches diese Risiken auf ein Minimum reduziert. Gleichzeitig schafft ein solches System auch große Transparenz für Einkaufsleitung und Geschäftsführung. Dies führt nicht selten zu Effizienzsteigerungen.

Beschaffung aktuell: Sie haben im vergangenen Jahr große Compliance-Projekte betreut, unter anderem bei Finanzdienstleistern und Energieversorgern. Gibt es da Gemeinsamkeiten?

Keese: Projekte haben immer unterschiedliche Ausprägungen. Die Energiebranche ist eine investitionsintensive Branche. Und so ging es in einem Projekt darum für den Vorstand sicher zu stellen, die Vergabeverfahren bei einer Großinvestition juristisch wasserdicht zu machen. Niemand möchte sich später vorwerfen lassen, nach Gutdünken seine Lieferanten ausgewählt zu haben. Das Projekt bei einem Finanzdienstleister zielte vielmehr darauf, ein allgemeines Compliance- System aufzubauen, um die Risiken in der Beschaffung der alltäglichen Güter zu minimieren.

Beschaffung aktuell: Reicht es aus, wenn ein Unternehmen seine Compliance-Regeln in den Allgemeinen Einkaufsbedingungen verankert?

Keese: Ein erster Schritt, aber weit weg von professionellem Risikomanagement. Es ist wichtig eine Compliance-Richtlinie zu entwerfen, die sich an die allgemeinen Unternehmensgrundsätze anlehnt. Auf diese Richtlinie sind sowohl Geschäftsführung als auch Mitarbeiter zu verpflichten.

Beschaffung aktuell: Inwieweit sind die BME-Compliance-Richtlinien, der BMECode- of-Conduct, eine Hilfe?

Keese: Ein „Code of Conduct“ zeichnet sich durch Freiwilligkeit aus. Wir sprechen jedoch über real existierende rechtliche Vorgaben, die es einzuhalten gilt.

Beschaffung aktuell: Was können Unternehmen jetzt tun, um ihre Compliance-Probleme zu lösen?

Keese: Die erste Frage die sich Unternehmen stellen sollten: Gibt es bei uns im Hause einen Compliance-Verantwortlichen? In der Folge: Gibt es eine Compliance-Richtlinie für das gesamte Unternehmen? Wenn ja – auch für den Einkauf? Wer schließt rechtliche Risiken in meinem Unternehmen aus? Am liebsten diskutiere ich das aber mit jedem interessierten Unternehmer oder Manager persönlich.

Beschaffung aktuell:
Frau Keese, wir danken für dieses Gespräch.