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01.12.2011

„Kann ich den zum Essen einladen?“

Beziehungen sind die Basis des Geschäfts. Auch ein gutes Essen, eine kleine Aufmerksamkeit. Aber Vorsicht! Viele Unternehmen haben strenge Compliance-Regeln. Da geht nichts, für Einkäufer gar nichts. Inwieweit das sinnvoll ist, diskutierte der Roundtable von Beschaffung aktuell und Kerkhoff Consulting.

Es sind Menschen, die Geschäfte machen. Immer noch. Leider gibt es Menschen, die andere in Versuchung führen und Menschen, die der Versuchung erliegen. Im Einkauf ist die Wahrscheinlichkeit solcher Vorkommnisse nicht gering - das hat erst kürzlich wieder eine Allensbach-Umfrage ergeben. Mehr als drei Viertel der Befragten Top-Manager großer Unternehmen haben angegeben, das Thema „Compliance“ spiele am ehesten im Einkauf eine Rolle. 

Welche Rolle Compliance-Regeln und Compliance-Management-Systeme (CMS) im Einkauf spielen, das diskutierten Experten - Einkaufsleiter, Rechtsanwälte, Berater und ein Journalist - beim ersten gemeinsamen Roundtable-Gespräch von Beschaffung aktuell und Kerkhoff Consulting in Düsseldorf. Daniel Zabota, Chefredakteur von Beschaffung aktuell, moderierte. 

Kontroversen gab es nicht - allerdings Emotionen. Denn es herrschte Einigkeit darüber, dass Compliance-Regeln nützlich sind. Aber immer sinnvoll? Uwe Ortgies (Telekom) versteht sich als Helfer des Einkaufs in Sachen Recht, Sustainability und anderen Anforderungen. Dr. Andreas Möhlenkamp wies auf den großen Schaden hin, der bei Fehlverhalten entstehen kann - für das Unternehmen, für die Reputation der Marke.

Compliance-Regeln sind keine Bedrohung für den (ehrlichen) Einkäufer, sie dienen auch zu dessen Schutz. Darauf wiesen insbesondere Dr. Sabine Wegge (Trimet) und Andrea Rechtsteiner (Larosé) hin. Der Chef sollte über alle Einladungen Bescheid wissen. Er oder ein anderer Mitarbeiter sollten stets bei den Treffen dabei sein. So kann man auch das „Vier-Augen-Prinzip“ verstehen, das in vielen Betrieben als einzige Compliance-Regel verbreitet ist. Dennoch breiten sich ausgefeilte Regeln (Code of Conduct, Lieferantenkodices) auch im Mittelstand aus. Und es gibt speziell geschulte Mitarbeiter wie Andy Schnackertz (Larosé). Gerade im Mittelstand, wo die Zahl der Beschäftigten und die Zahl der Lieferantenbeziehungen ziemlich überschaubar ist, scheint auch das Thema Compliance überschaubar, meinte Ulf Zimmermann (Helbako). Augenmaß und Abstufungen sind wichtig, wie Dr. Mike Ruppelt (Sodexo) hervorhob. Es gibt Regionen wie Westeuropa, wo es recht einfach ist, es gibt aber auch Regionen mit komplizierteren Ansichten in Sachen Geben und Nehmen. Compliance finde nicht nur im Einkauf statt, insgesamt aber wachse die Sensibilität dafür.
 
Übertreibungen gibt es aber auch und das ist nicht immer gut für das Geschäft. Beziehungen seien die Basis des Geschäftes, man könne das nicht vollständig neutralisieren, so Gerd Kerkhoff. „Neigen wir zu Übertreibungen? Kann ich überhaupt noch jemanden zum Essen einladen?“, fragte Kerkhoff. Außerdem meinte er es handle sich um ein Top-Down Thema: Vorstand oder Geschäftsführung müssen mit gutem Beispiel vorangehen. Das heißt, alle müssen sich an die Regeln halten und daran, so ergänzte Rechtsanwältin Sabrina Keese, hätten auch die Stakeholder (z.B. Kunden, Lieferanten, Gesellschaft, Mitarbeiter etc.) ein wachsendes Interesse. 

Gar nichts annehmen dürfen, weil die Regeln das so vorschreiben, ist also schwierig. In Diskussion darüber half Karl-Heinz Plum (Handelshof) oft weiter. „Wir müssen über die Grenzen sprechen, wo ein Compliance-Fall beginnt“ sagte er zum Beispiel. Nehmen wir den Kugelschreiber. Der Journalist bekommt einen aus Plastik, der Einkäufer aus Gold. Das geht nicht. Einer von beiden darf unzufrieden sein, aber alles deutet darauf hin, dass ein Lieferant, der in goldene Kugelschreiber investiert, möglicherweise Defizite an anderer Stelle hat. Das müssen beide erkennen: Journalisten und Einkäufer. Die Versuchung, so Karl-Heinz Plum, dürfe nicht zu groß werden.