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12.03.2012

Japans Angst vor dem Blackout

Die Dreifachkatastrophe aus Erdbeben, Tsunami und Reaktorunfall gestern vor einem Jahr hat Japan hart getroffen - auch wirtschaftlich. Japans Industrie hat sich aber verblüffend schnell erholt. Jetzt wird der Aufbau überschattet von der Angst vor Energieengpässen. Und vor einem neuen Beben.

 

Von Sarah Sommer

Hamburg - Im Sommer könnten in Tokio die Lichter ausgehen. In den schwül-heißen Sommermonaten fallen die Temperaturen in Japan selten unter 30 Grad - dann laufen die Klimaanlagen in den Büros und Wohnungen der Hauptstadt auf Hochtouren. Ausgerechnet in dieser Zeit wird Japan für eine Weile vollständig ohne Atomstrom auskommen müssen. Ein Jahr nach dem Atomunglück in Fukushima sind von54 japanischen Atomreaktoren nur noch zwei in Betrieb. Das kommt die japanische Volkswirtschaft teuer.

Hohe Energieimporte trieben die Handelsbilanz der Exportnation zum ersten Mal seit 1980 ins Minus. Auch diese letzten verbliebenen Reaktoren sollen nun vom Netz: Die Regierung fährt die Meiler für Wartungsarbeiten herunter. Einige andere Reaktoren haben die Sicherheitschecks zwar schon hinter sich gebracht - doch öffentliche Proteste und der Widerstand der Kommunalbehörden verhindern, dass siewieder angefahren werden. Das könnte auf absehbare Zeit so bleiben: Die Angst vor einer erneuten Atomkatastrophe ist groß, auch wenn die Regierung betont, alle Reaktoren hätten Erdbeben- und Tsunamistresstests bestanden. Die gebeutelte Nation traut den Beteuerungen ihrer Regierung nicht – zu oft haben sich deren Versprechungen im vergangenen Jahr als Halbwahrheiten erwiesen. Dass japanische Geologen jüngst vor einer drastisch erhöhten Erdbebengefahr während der kommenden vier Jahre warnten, macht die Situation nicht einfacher.

Für die japanischen Unternehmen sind die möglichen Blackouts im Sommer eine ernsthafte Bedrohung, warnt das Institute of Energy Economics in Tokio. Bleiben die Kernkraftwerke ausgeschaltet, werde eine Versorgungslücke von etwa 7 Prozent entstehen, sagen sie voraus. Dann wären während des Sommers immer wieder kurze Unterbrechungen in der Energieversorgung zu erwarten. "Versorgungsunterbrechungen würden die Industrie hart treffen", heißt es in der Analyse des Instituts. Die Auswanderung der japanischen Industrie ins Ausland werde sich beschleunigen. Japans Handelsdefizit werde sich scharf ausweiten und die Arbeitslosigkeit steigen. Sollte sich die Prognose bewahrheiten, wäre das ein schwerer Rückschlag für die japanischen Unternehmen, die sich bisher erstaunlich schnell aus dem Katastrophen-Tief herausgearbeitet haben.

Was Japan im vergangenen Jahr verkraften musste, hätte wohl die Wirtschaft der meisten Länder auf Jahre hinaus gelähmt: Das schwere Beben der Stärke 9,0 und der darauf folgende Tsunami haben mehr als 260 Städte zerstört, 16.000 Menschenleben gekostet. Fast 100.000 Menschen mussten ihre Heimat in der Katastrophenregion Fukushima verlassen, viele leben bis heute in Notquartieren. Radioaktive Strahlung hat eine Region voller Geisterstädte entstehen lassen. Neben der menschlichen Tragödie war die Dreifach-Katastrophe auch für die Wirtschaft ein Tiefschlag. Die Weltbank schätzt den wirtschaftlichen Schaden auf insgesamt 235 Milliarden US-Dollar. Das macht sie zu einer der teuersten Naturkatastrophen der Geschichte.

VDMA-Experte Wack: "Spekulationen über Schwäche waren unangebracht"

Betriebsunterbrechungen und Engpässe in der Lieferkette verursachten die größten finanziellen Schäden für die Industrie, rechnet der Industrieversicherer Allianz AGCS vor. Unmittelbar nach der Krise brach die Industrieproduktion um rund 15 Prozent ein. Der Fahrzeugbau büßte 50 Prozent des Produktionsvolumens ein, die Elektroindustrie verlor rund 18 Prozent. Japans Wirtschaft rutschte in eine Rezession. "Doch schon im Sommer schien es, als habe sich die Industrie von dem Einbruch weitestgehend erholt", sagt Marco Wagner, Japanexperte der Commerzbank. Im Juni 2011 war die Industrieproduktion bereits wieder so hoch wie im Herbst vor der Katastrophe. "Die Unternehmen haben schnell reagiert. Die Aufräumarbeiten gingen schnell voran." Hatte sich mancher internationale Konkurrent nach der Katastrophe Hoffnungen gemacht, den geschwächten japanischen Unternehmen Marktanteile abzujagen, erwies sich dies als Fehleinschätzung.

So erholte sich etwa die japanische Maschinenbauindustrie in Rekordzeit – obwohl viele Hersteller mit ihren Werken in der vom Tsunami getroffenen Region Tohoku angesiedelt waren, wo die Löhne niedriger sind als im nahen Tokio. "Es gab unmittelbar nach der Krise wilde Spekulationen, dass der japanische Maschinenbau einbrechen würde. Besonders deutsche Baumaschinenhersteller würden davon profitieren, hieß es", erinnert sich Oliver Wack, Japanexperte beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). Grund für die Spekulationen: Der japanische Maschinenbau gilt als einer der schärfsten Konkurrenten für deutsche Unternehmen der Branche. Japan ist eines der wenigen Länder, die mehr Maschinen nach Deutschland exportieren als umgekehrt - die deutschen Maschinenimporte aus Japan sind doppelt so hoch wie die deutschen Maschinenlieferungen nach Japan.

"Die Spekulationen über eine mögliche Schwächung der japanischen Wettbewerber waren aus mehreren Gründen unangebracht", sagt Wack. "Die großen japanischen Maschinenhersteller haben beispielsweise längst Werke außerhalb des Landes aufgebaut, vor allem im Wachstumsmarkt China." Dadurch hatten sie Ersatzkapazitäten, auf die sie zurückgreifen konnten, als in Japan die Produktion still stand. "Eine Lücke, in die internationale Wettbewerber hätten springen können, bot sich also erst gar nicht." Ausländische Hersteller, darunter der deutsche Mittelständler Trumpf, mussten hingegen Werke in der Katastrophenregion schließen und waren somit selbst von der Katastrophe betroffen.

Indes: Hinter vorgehaltener Hand geben einzelne Unternehmen aus Wacks eigenem VDMA-Verband schmallippig zu, zumindest kurzfristig von der Japan-Krise profitiert zu haben. Aus Gründen der Pietät aber werden sie das öffentlich nie zugeben.

Profitiert hat der deutsche Maschinenbau insgesamt also nicht von der Krise in Japan: Zwar steigerten deutsche Unternehmen ihre Exporte nach Japan im vergangenen Jahr um 16 Prozent. Gleichzeitig verkauften die japanischen Maschinenbauer aber 22 Prozent mehr Maschinen nach Deutschland. "Die japanischen Unternehmen haben in unserer Branche keine nachhaltigen Verluste bei den Marktanteilen hinnehmen müssen", sagt Wack.

"Japan ist und bleibt einer unserer stärksten Konkurrenten auf dem Weltmarkt." Vor allem im asiatischen Raum haben die Japaner die Nase vorn: "In den asiatischen Ländern sind japanische Maschinenhersteller die Nummer eins, deutsche Unternehmen die Nummer zwei", sagt Wack. Weniger gut als die Maschinenbauer kamen die Unternehmen der Elektroindustrie durch das
Katastrophenjahr. "Im Gegensatz etwa zur Automobilindustrie, die schon wieder auf Vorkrisenniveau arbeitet, konnte sich die Elektro-Industrie bis heute nicht vollständig erholen", sagt Commerzbank- Analyst Wagner. Zum einen sei die Branche von den Energieschwankungen im Sommer besonders betroffen gewesen: "Für die Produktion sensibler Hightech-Teile wie etwa Halbleiter sind Fertigungsunterbrechungen fatal", sagt er. Erst seit Ende des Jahres erhole sich die Branche aber. "Seit Dezember hat sich die Energieversorgung stabilisiert, weil Japan im großen Maßstab Öl und Gas importiert", erklärt Wagner.

Hinzu kommt: Die Elektronikbranche musste sich erst von einem weiteren Tiefschlag im Herbst vergangenen Jahres erholen. Die Flutkatastrophe in Thailand im Oktober erwies sich als verheerend auch für japanische Unternehmen, sagt Andreas Gontermann, Chefsvolkswirt des Zentralverbands Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI). "Die Unternehmen haben viele Zulieferer und auch eigene Werke in der thailändischen Flutregion", erklärt Gontermann. "Das warf sie daher erneut zurück." Doch auch diese Probleme bekamen die Japaner recht schnell wieder in den Griff. "Die japanischen Unternehmen hatten wirklich viel zu verkraften im zurückliegenden Jahr", fasst der Volkswirt zusammen. "Sicherlich hat manches japanische Unternehmen deshalb kurzfristig Einbußen hinnehmen müssen. Produktionskapazitäten sind ausgefallen, andere südostasiatische Anbieter sprangen in die Bresche und nahmen ihnen Marktanteile ab", sagt er.

Deutsche Unternehmen seien hingegen keine direkten Konkurrenten und könnten davon nicht profitieren. "In der Regel sind japanische Unternehmen eher Zulieferer für deutsche Unternehmen der Branche". Unmittelbar nach der Katastrophe habe es daher große Befürchtungen gegeben, dass es zu Verzögerungen und Engpässen in den Lieferketten kommen könnte. "Die Industrie steckte gerade mitten in der Erholungsphase nach der Finanzkrise, und es gab aufgrund des unerwartet schnellen Aufschwungs ohnehin schon Engpässe bei machen Lieferanten.

"Die Elektronikunternehmen begannen, ihre Lieferketten genau zu analysieren: Welche Baugruppen enthielten Bauteile aus japanischer Produktion? Welche Lieferanten waren von der Katastrophe betroffen? Müssten sie Lieferungen auf radioaktive Strahlung untersuchen? "Aus heutiger Sicht lässt sich sagen: Noch bevor dieser Analyse- und Krisenvorbereitungsprozess hierzulande vollständig abgeschlossen war, hatten die Japaner ihre Produktion bereits wieder anlaufen lassen."

Allerdings waren die Unternehmen, die auf das taktgenaue Liefern von Bauteilen angewiesen sind, auch nicht eben sonderlich schnell mit ihrer Analyse - und noch langsamer darin, eine Lösung für das Problem zu finden. Selbst die Vereinten Nationen sorgten sich über die zähe Managementreaktion – und appellierten im Vorjahr eindringlich an die Chefs der globalen Riesen, endlich zu handeln.

Jetzt sei es vor allem die europäische Schuldenkrise, die als Risiko für die künftige Geschäftsentwicklung gilt - in Deutschland aber genauso wie in Japan. "Sowohl den deutschen als auch den japanischen Unternehmen ist noch einmal überdeutlich vor Augen geführt worden, dass sich lokale Ereignisse irgendwo in der Welt sehr schnell auf das eigene Geschäft auswirken können", sagt Gontermann. Die gegenseitigen globalen Abhängigkeiten könne kein Unternehmen mehr ausblenden. "Viele Unternehmen konzentrieren sich deshalb jetzt darauf, ihre Produktion flexibler aufzustellen - etwa indem Sie Alternativen für bestimmte kritische Bauteile suchen und entwickeln.“

Das bestätigt auch Gerd Kerkhoff, Geschäftsführer der auf Lieferkettenmanagement spezialisierten gleichnamigen Beratungsgesellschaft. "Viele Unternehmen haben nach Fukushima reagiert und Alternativlieferanten für ihre Produkte gesucht", berichtet er. "Auch wir hatten viele Feuerwehraufträge, bei denen wir für Kunden kurzfristig Lieferanten gesucht haben." Fukushima und die Wirtschafts- und Finanzkrise, die mit Lieferanteninsolvenzen und Lieferengpässen einherging, hätten die Unternehmen für Lieferrisiken sensibilisiert, sagt Kerkhoff. Naturkatastrophen, politische Instabilitäten, Währungsrisiken, Rohstoffengpässe und Oligopole in einzelnen Lieferantenmärkten: Das Jahr 2011 habe viele Risiken auf einmal mit sich gebracht.

Für die japanischen Unternehmen könnte das neue Sicherheitsbewusstsein in der Industrie einen weiteren Dämpfer bringen, meint Kerkhoff: "Durch die steigenden Energiekosten und den starken Yen sind Exporte aus Japan derzeit sehr teuer. Die Abnehmer suchen nach günstigeren Alternativen und stellen auf ein Mehr-Lieferanten-System um", sagt Kerkhoff. Industriegrößen wie Panasonic, Canon und Nikon haben ihre Produktion bereits nach Taiwan und Malaysia verlagert, Toyota und Nissan lassen ebenfalls in Südostasien fertigen.

Der heiße japanische Sommer könnte den Exodus beschleunigen - und alle Anstrengungen der japanischen Unternehmen für eine rasche Erholung ausbremsen.