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11.10.2009

Mein Vorgesetzter, mein Freund?

Privates lässt sich aus dem Büro nicht heraushalten. Doch wie viel Nähe dürfen Chefs zu Mitarbeitern zulassen?

 
 

Junge Chefin, junge Kollegen: Gundula Jäger (29), Managerin bei Kerkhoff Consulting , muss den Nähe-Distanz-Spagat zu ihren Kollegen meistern. Ein freundschaftlicher Führungsstil bedeutet nicht gleich Freundschaft.

Gestern habe ich bei IKEA eine tolle Vase entdeckt. Danach waren wir beim Inder essen", sagt die Chefin. Die Kollegen nicken, öffnen ihre Post, eine macht Kaffee. "Und als wir zu Hause waren, habe ich meinem Partner die Vase an den Kopf geworfen." Die Kollegen halten die Luft an.
Stopp! Das geht zu weit. Zu viele Details aus dem Privatleben des Chefs.
Wirft die Frage auf: Wie viel Persönliches dürfen Chef und Kollegen teilen?

Begleiter

Die Erste im Team: Managerin Doris Riedl (Mitte) von Fastbridge"Ich verbringe bis zu 60 Stunden pro Woche mit meinen Kollegen", sagt Thomas Kicker (33), Telering-Boss. Das ist ein Zeitpensum, das er sonst gerade mal mit seiner Partnerin verbringt. "Da muss man auch Persönliches zulassen." Auch für Doris Riedl (35), Chefin von Fastbridge, der Online-Unit von PanMedia Western, ist der Austausch im Büro wichtig: "Wir sind alle Menschen. Und das legen wir im Job nicht ab." Persönliche Nähe ist mitunter Basis für ihren freundschaftlichen Führungsstil. Ein Stil, der laut Psychologin Teresia Gabriel zu empfehlen ist: er garantiert soziale Gesundheit und ein gutes Betriebsklima. Vorausgesetzt das Freundschaftliche geht nicht zu weit. Sonst kommt es zu Konflikten, Neid, manch einer fühlt sich schnell auch benachteiligt. "Mir ist wichtig, allen Mitarbeitern gleich nahezustehen. Meine Wertschätzung richtet sich nach dem Einsatz und nicht nach Sympathie", sagt Kicker. Eine Herausforderung, glaubt Gabriel, "denn Beziehungen sind immer individuell".

Die Regel für Chefs: Das Verhältnis muss professionell bleiben. "Denn der Chef ist immer noch derjenige, der Entscheidungen trifft", sagt Gabriel. Gebe es Freundschaft zwischen dem Chef und einem seiner Mitarbeiter, sei es schwierig, Negatives auszusprechen. Die Folgen: Man schiebt heikle Gespräche auf, redet um den heißen Brei. Methoden, die zu nichts Gutem führen.
 
Jugend-Dilemma

"Mir ist wichtig, allen Mitarbeitern gleich nahezustehen", sagt Manager Thomas Kicker. Er sucht das richtige Maß an Nähe und Distanz.Besonders schwierig fällt der Nähe-Distanz-Spagat jungen Managern, die Mitarbeiter in einem ähnlichen Alter führen. "Sie haben wenig Erfahrung und vielen fehlt selbst noch stabile Identität", sagt Gabriel. Die Kumpelstrategie sei die falsche, um Akzeptanz zu bekommen.

"Ich behalte die Grenze immer im Kopf", sagt Gundula Jäger (29), Managerin von Kerkhoff-Consulting. Bis vor Kurzem war sie selbst Mitglied im Team, heute ist sie Chefin. Eine besondere Herausforderung. "Der Chef ist 'etwas anderes'", sagt Gabriel. Phasen, in denen das Team unter sich sein kann, seien essenziell. "Ich gehe nicht immer mit Kollegen mit", sagt auch Chefin Riedl.

"An der Spitze fühlen sich viele einsam", sagt Psychologin Gabriel. "Aber Chefs müssen aufpassen, dass sie ihr persönliches Bedürfnis nach Nähe nicht Kollegen aufdrängen." Studien ergeben, dass mancher Mitarbeiter das formale "Sie" im Umgang mit dem Chef bevorzugen würden. Das gilt freilich nicht für junge Teams: "Wir sind alle in einer ähnlichen Lebensphase, da ist es klar, dass man auch in der Freizeit etwas unternimmt, in ähnliche Lokale geht", sagt Jäger. Rund um die Dreißig ist das soziale Leben stark ausgeprägt, es wird gefeiert. "Unter der Woche gehen wir manchmal etwas trinken. Aber für mich ist klar: das Wochenende verbringe ich ohne Kollegen." Da ist Zeit für Familie, die besten Freunde und eben auch für die persönlichen Probleme.

"Als Chef hat man eine Vorbildfunktion", sagt Kicker. Stimmungsschwankungen und Befindlichkeiten kommen ihm nicht ins Büro. Ausnahmen bestätigen aber die Regel, sagt er: "Wenn ich zum Zahnarzt muss, dann will ich Mitleid von Kollegen und danach einen heldenartigen Einzug feiern."