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12.10.2017

Erfolgreiche Digitalisierung benötigt ein Ziel

Industrie 4.0, Big Data, Künstliche Intelligenz, Cloud Services und Digitalisierung sind Begriffe, mit denen sich jedes Unternehmen in unterschiedlicher Tiefe bereits auseinandergesetzt hat. Jochen Wilms und Christian Hofmeister sprechen über die richtige Vorgehensweise.

Christian Hoffmeister ist Geschäftsführer des DCI Institute, einem Forschungs- und Beratungsinstituts mit dem Schwerpunkt Beratung von Unternehmen, die von Geschäftsmodell- und Technologie Disruptionen betroffen sind. Er ist Vordenker und Bestsellerautor von Fachbüchern wie „Digital Business Modelling: Digitale Geschäftsmodelle entwickeln und strategisch verankern" oder „Think new! 22 Erfolgsstrategien im digitalen Business?“

Jochen Wilms ist Geschäftsführer der Kerkhoff Cost Engineering, die als Teil der Kerkhoff Group technische Beratungsleistungen bei ihren überwiegend mittelständischen Kunden aus dem produzierenden Bereich umsetzen. Der Ingenieur steuert Beratungsprojekte aus den Disziplinen Herstellkostenoptimierung und Procurement 4.0 und sitzt im Lenkungsausschuss ‚Digitale Projekte' innerhalb der Kerkhoff Group.

Herr Wilms, was versteht man unter der Digitalisierung?

Jochen Wilms: Digitalisierung in einem wirtschaftlichen Kontext ist nichts weiter als die Erfassung von Daten, seien es logische oder physikalische, mittels digitaler Technologien — also Computern — und die wirtschaftliche Verwertung dieser. In der Praxis ergibt sich daraus natürlich ein weites Feld, von der Nutzung der Digitalisierung zur Optimierung von Produktionsprozessen über die Nutzung zur optimierten Entscheidungsfindung, wie zum Beispiel im Einkauf bis hin zu der Entwicklung völlig neuer und datenbasierter Geschäftsmodelle, wie bei Google. Sie fragen sicher bewusst mich und nicht Herrn Hoffmeister, der Begriffsdefinitionen besser abgrenzen kann. In der Praxis ist es eine Spanne, die wir aktuell bei unseren Kunden erleben. Am verbreitetsten ist die softwareseitige Unterstützung von Prozessen, die es „schon immer“ gab, aber nun mit höherer Professionalität forciert wird. Unabhängig davon, ob wir da bei über die Unterstützung der Produktions- oder administrativen Verwaltungsprozesse sprechen.

Herr Hoffmeister, wie weit sind die deutschen Unternehmen auf dem Weg?

Christian Hoffmeister: Dies ist zwar schwer pauschal zu beantworten, aber um es etwas plakativ zu formulieren, würde ich sagen, dass deutsche Unternehmen die möglichen Potenziale eher ankratzen. Der Grund liegt darin, dass sie sich zumeist mit den Optimierungen und nicht mit den fundamentalen Veränderungen beschäftigen.

Warum ist es so wichtig, den Anschluss nicht zu verpassen?

Christian Hoffmeister: Digitalisierung ist ein umfassendes Konzept, welches überall in unserer heutigen Wirtschaft anzutreffen und vorzufinden ist. Darum trifft es jedes Unternehmen und auch in einem Unternehmen jeden Bereich. Egal ob Einkauf, Produktion oder Vertrieb, nichts bleibt wie es war. Sieht man sich Uber an, sieht man sich AirBnB an oder Netflix und viele andere neue Unternehmen, dann verändern diese bestehende Wertarchitekturen fundamental. Daher muss das Topmanagement diesen Prozess steuern und führen, weil es eben auch alle Bereiche im Unternehmen betrifft. Die einzelnen Projekte müssen dabei zusammengeführt werden, um den Wirkungsgrad durch die Vernetzung dieser einzelnen Maßnahmen zu erhöhen.

Gibt es eine identische Zielsetzung? Geht es um Effizienz oder neue Produkte?

Jochen Wilms: Meine kaufmännischen Beratungskollegen, wie auch unsere Ingenieure betrachten im Schwerpunkt bestehende Prozesse und Produkte mit der Zielsetzung, durch Digitalisierung Effizienzgewinn und Zukunftsfähigkeit zu erreichen. Dabei haben wir zwar ebenfalls die Produktneuentwicklung im Blick, um zu bewerten, welche Produkte und Neuheiten eine realistische Marktchance haben oder wie diese durch die richtigen Adaptionen entstehen.

Bilden die Begriffe ‚technisch‘ und ‚kaufmännisch‘ eine weitere Differenzierung?

Jochen Wilms: Sicherlich, kaufmännisch ist es sicher eher die Verkürzung und Automatisierung der eigenen Prozesse von Einkauf bis Verkauf. Technisch gesehen, sind es primär die Produktionsprozesse und die Aufwertung und Verbesserung der Produkte selbst. Die Lösungsansätze hier sind unterschiedlich und vielfältig.

Der Schuster hat die schlechtesten Leisten. Wie sieht es denn bei Kerkhoff aus?

Jochen Wilms: Erwischt! Nein, im Ernst. In den administrativen Prozessen haben wir wahrscheinlich ähnliches Optimierungspotenzial wie die meisten anderen Unternehmen auch. Die „erklärungsbedürftige Dienstleistung Beratung“ lässt sich zusammenfassen, indem wir die unternehmerische Einkaufsfunktion durch unsere Digitalisierungslösung ‚Procurement 4.0‘ soweit optimiert haben, dass eine klassische Einkaufsfunktion bereits ersetzbar ist.

Patentrezept für ein erfolgreiches digitales Geschäftsmodell - Drei grundlegende Paradigmenwechsel

1. Vom Produkt zur Plattform
Unternehmen sehen oft auf die Produkte, die sie herstellen und vertreiben. Sie erkennen nicht, dass diese zum einen möglicherweise auf Plattformen produziert werden, und zum anderen, dass Produkte selbst eine erfolgreiche Plattform darstellen können.

2. Von der Organisation zur Transaktion
Kundenwert entsteht aus Interaktion von Kunden und Leistungen. Erfolgreiche Geschäftsmodelle basieren darauf, dass es zu andauernden und stabilen Interaktionen zwischen Nutzern und den Plattformleistungen kommt. Diese können in der digitalen Welt gemessen, analysiert und gesteuert werden. Es hilft nicht der Blick auf die Organisation, sondern nur die Suche nach konkreten Austauschbeziehungen, die Kunden heute schon mit den „Produkten“ haben.

3. Vom Spieler zum Spielentwickler
Erfolgreiche digitale Geschäftsmodelle können immer als Spiel designt werden, weil digitale Geschäftsmodelle Plattformen darstellen und jede Plattform als eine Art Spieltisch verstanden werden kann, die Kundengruppen zu Spielern untereinander werden lässt. Über die Plattform werden Spielregeln definiert und ermöglichen Interaktionen, die gesteuert und wirtschaftlich verwertet werden können.