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18.04.2016

China-Sourcing: Alles bleibt anders

Umsichtiges Vorgehen statt schneller Schlüsse

Einbrechende Exporte, verlangsamtes Wirtschaftswachstum und ein fallender Yuan - es sind keine guten Nachrichten, die China aussendet. Doch welche Auswirkungen haben die Turbulenzen auf Einkäufer in Deutschland?

Nein, das Jahr der Ziege endete nicht gut für die chinesische Wirtschaft. Und auch das Jahr des Affen lässt sich nicht besonders gut an. Im Januar ging von den Börsen in Shanghai und Shenzhen ein Erdbeben aus, das den Rest der Welt aufschreckte: Die Aktienkurse brachen ein, sogar der Handel an den Börsen wurde kurzzeitig ausgesetzt, was zu noch mehr Panik führte. Das Wort ‚Crash´ machte die Runde. Auslöser waren vor allem geringere Exporte - ein deutlicher Beleg, dass die Wirtschaft mit angezogener Handbremse unterwegs ist. Darauf reagierte die chinesische Regierung und wertete die Währung mehrfach ab. Was aber bedeutet diese Entwicklung für Einkäufer hierzulande? Können Sie von der fallenden Währung profitieren?

Die Fakten sind klar: Deutschland ist wichtigster Handelspartner für China in Europa. Importe im Wert von fast 80 Mrd Euro fanden ihren Weg 2014 aus dem Land der Mitte hierher. Besonders gefragt sind Maschinen, Textilien, Metalle und Chemieprodukte. Eine abgewertete Währung sollte Einkäufe aus China daher eigentlich beflügeln. Das sieht auch Heiko Müller, Deutschlandchef des Finanzdienstleisters Ebury so: "Grundsätzlich wirkt sich die Abschwächung des Yuan positiv für Einkäufer aus Deutschland aus, da sie nun bei der Konvertierung mehr Yuan pro Euro erhalten." Da bisher der Großteil der Einkäufe in US-Dollar abgewickelt werde, sei das außerdem die Chance für Einkäufer, bisherige Lieferbedingungen neu zu verhandeln und auf Yuan umzustellen.

"Die bedenkliche Entwicklung der chinesischen Währung hat uns alleine im letzten Jahr eine Verteuerung von rund 20 Prozent auf aus China bezogene Waren erbracht, welche nicht durch Preisverhandlung mit den Lieferanten neutralisiert werden kann." Einen weiteren Verfall des Yuan hält er für wirtschaftlich sehr bedenklich. "Allerdings sind viele Warengruppen längst in China etabliert und können nicht ohne Verluste aus anderen Regionen bezogen werden."

Doch die Währung ist also nicht das einzige Kriterium für eine erfolgreiche Beschaffung. "In China gibt es ganz andere Herausforderungen zu meistern", weiß Stefanie Schmitt von Germany Trade & Invest (gtai). Für sie steht der Yuan bei der Entscheidung für oder gegen den Einkauf in China daher nicht so sehr im Vordergrund. "Die institutionellen Hürden, also Zoll, Quarantäne und Steuerbehörden, werden höher und komplexer - und das in einem ohnehin schon eher komplizierten Umfeld", so Schmitt. "China-Sourcing wird also eher schwieriger als leichter."

Für die China-Expertin hat die Wettbewerbsfähigkeit als Zulieferer deutlich abgenommen, denn China ist mitnichten mehr die billige verlängerte Werkbank. Seit 2008 ziehen die Lohnkosten an, ohne dass jedoch die Produktivität in gleichem Maße Schritt halten kann. Das kann Schmitt aus erster Hand bestätigen: "Abgesehen von den höheren Kosten klagen viele Arbeitgeber hierzulande darüber, dass die Arbeitskräfte der jüngeren Generation nicht mehr so leistungsbereit und leidensfähig seien wie die Älteren - und das schlägt sich in der Produktivität nieder." Speziell für arbeitsintensive Sparten rechnet die gtai daher damit, dass China künftig als Beschaffungsland an Bedeutung verlieren könnte.

"Neben China rücken die osteuropäischen Märkte immer stärker in den Fokus", sagt auch Olaf Holzgrefe, Leiter Business Development & Affairs beim Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME). Länder wie Tschechien, Ungarn und vor allem Rumänien oder Bulgarien profitierten von Arbeitskosten, die deutlich unterhalb des Niveaus in Westeuropa liegen. Aber auch in Fernost beobachtet Holzgrefe, dass sich im Schatten Chinas eine weitere Alternative entwickelt: Der ASEAN-Raum, dem unter anderem Länder wie Malaysia, Thailand oder Indonesien angehören. Diesen Weg hat auch der Mittelständler Balluff eingeschlagen: "Auch wenn wir momentan noch an unsere China-Sourcing-Strategie festhalten, hält das uns natürlich nicht davon ab, einen etwas gründlicheren Blick in die anderen Märkte wie Vietnam oder Thailand zu werfen", so Abel. "Doch bis dort neue Lieferanten aufgebaut und qualifiziert sind, können noch Jahre ins Land gehen." Dass China grundsätzlich nicht alternativlos ist, bestätigt auch Matthias Hedergott, Partner Kerkhoff Consulting. Nachdem sich China in seinem neuen 5-Jahres-Plan vor allem den Schutz und die Unterstützung der für die eigene Produktion wichtigen Unternehmen als Ziel setzte, sollte man gewarnt sein. "Die Zielsetzung des neuen 5-Jahres-Plans bestätigt einmal mehr die Notwendigkeit für Unternehmen, alternative Sourcing-Märkte zu identifizieren und zu etablieren", so Hedergott. "Für eine stabile Supply Chain ist eine umfassende Risikobetrachtung mit entsprechenden Alternativlieferanten- beziehungsweise einer Mehrlieferantenstrategie unerlässlich." Nur so lasse sich die Gefahr bannen und bei weiteren negativen Entwicklungen seinen Einkauf abzusichern. Es bleibt also nur, den Beschaffungsmarkt China mit Argus-Augen zu beobachten und sich darauf vorzubereiten, eventuell alternative Regionen zu erschließen. 

Autoren: Dörte Neitzel und Kathrin Irmer