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25.11.2009

Die Supply Chain wird begrünt

Transport-Dienstleister wollen nicht länger als Umweltsünder gelten. Sie setzen zunehmend auf grünen Service. Die Umwelt profitiert und mitunter auch der Auftraggeber.

 
 

Von Karsten Zunke

„Innerstädtischer Service mit optimierten logistischen Dienstleistungen für den Einzelhandel“, lautet der etwas sperrige Name für ein Programm, das ein einfaches Ziel verfolgt: Die Nürnberger Innenstadt von Lieferfahrzeugen und Abgasemissionen zu entlasten. Mehrere Kurier-, Express- und Paketdienste (KEP) sowie Speditionen riefen Ende der 90-Jahre als Modellversuch unter Mitwirkung des Freistaats Bayern und der Stadt Nürnberg ins Leben.

Nach Ende des Pilotprojekts führte der Kurier- und Expressdienst DPD das Konzept fort. Im Sommer diesen Jahres war es dann so weit: Das einmillionste Paket wurde in der Nürnberger Fußgängerzone umweltschonend mit einem Elektrofahrzeug zugestellt.

Seit Ende 2000 liefert DPD dort Sendungen umweltfreundlich mithilfe zweier Elektrofahrzeuge aus, die durch Starkstromanschlüsse an speziellen Garagenplätzen mit Energie versorgt werden. Durchschnittlich 500 Pakete erreichen so täglich emissionsfrei ihr Ziel. Nicht nur 51 Tonnen CO2 konnten nach Angaben des Unternehmens auf diese Weise bisher eingespart werden, auch Auftraggeber und Kunden profitieren: Normale Zustellfahrzeuge dürfen ab 10.30 Uhr die Nürnberger Fußgängerzone nicht mehr befahren. Die Elektrofahrzeuge hingegen können zeitlich uneingeschränkt im Stadtgebiet unterwegs sein. Zustellung und Abholung sind dadurch auch in der Fußgängerzone ganztägig möglich.

Alternative Antriebe gefragt

Immer mehr KEP-Dienstleister positionieren sich umweltbewusst. Alternative Antriebe kommen dabei verstärkt zum Einsatz. Als Betreiber der größten Hybrid-Lieferflotte in der Expressbranche gilt Fedex. Erst im Sommer dieses Jahres hat das US-Unternehmen seinen Fuhrpark um 92 Hybrid-Lkw erweitert. Sie werden in den USA eingesetzt und vergrößern die hauseigene Hybrid-Flotte auf 264 Fahrzeuge weltweit.
Bei TNT Express Deutschland hat man unter anderem in neue Systeme zur Routenoptimierung und innovative Antriebstechnologien investiert und Niederlassungen nach ökologischen Gesichtspunkten gebaut. Auf umweltfreundliche Fahrzeuge setzt der KEP-Dienst hierzulande bereits seit zehn Jahren. Im Innenstadtbereich von Berlin wurde die Zustellung mittlerweile fast komplett auf Erdgasfahrzeuge umgestellt. TNT beteiligt sich auch an zahlreichen Praxistests von elektrisch angetriebenen  Null-Emissions-Lkw, etwa in London, den Benelux-Ländern, Australien und Südostasien. In Deutschland liegt heute bereits jeder zehnte Firmenwagen unter der Grenze von 120g/km Kohlendioxid-Ausstoß. Betrug der durchschnittliche Kraftstoffverbrauch der TNT-Flotte im Jahr 2002 noch 10,1 Liter je 100 Kilometer, sind es heute nur noch 7,0 Liter.

Laut Thomas Kraus, Vorsitzender der Geschäftsführung von TNT Express, ist Umweltschutz kein Modethema, sondern eine globale Herausforderung – und eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit. „Fahrverbote in Innenstädten etwa gefährden die Abholung und Zustellung von Sendungen. Durch den Einsatz von Fahrzeugen mit alternativen Antriebstechnologien im City-Bereich tragen wir zu einem geringeren Feinstaubaufkommen bei und können gleichzeitig des Service für unsere Kunden auf gewohnt hohem Level gewährleisten“, so Kraus.

Auch andere KEP-Dienstleister haben alternative Antriebe auf der Agenda. So möchte UPS beispielsweise ebenfalls den CO2-Ausstoß seiner Fahrzeugflotte reduzieren – bis zum Jahr 2020 um 20 Prozent. Das entspräche einer Verringerung um 42 Prozent seit 1990. Zudem sollen künftig verstärkt elektrische Zustellfahrzeuge eingesetzt werden.

Grün als Firmenstrategie

Mitunter werden Transporte auch ganz von der Straße genommen. So reduziert DHL die CO2-Emissionen für das Pharmaunternehmen Sanofi-Aventis im großen Stil. Dazu transportiert der Dienstleister temperaturgeführte Waren für den Seefrachtexport künftig mit Binnenschiffen statt mit Lkw. Die Container gehen in Mainz an Bord eines Binnenschiffs und werden so zu den Seehäfen in Antwerpen oder Rotterdam transportiert. Beim Lkw-Transport von Seefrachtcontainern zu den europäischen Seehäfen liegt der Emissionswert von DHL nach Unternehmensangaben derzeit bei zirka 33 Kilogramm CO2 je Tonne. Durch die Umstellung auf Binnenschiffe soll er auf rund 22 Kilogramm CO2 pro Tonne gesenkt werden.

Wie andere KEP- und Logistikdienstleister hat auch die Deutsche Post DHL ein konzernweites Umweltprogramm ausgerufen: Gogreen. Das Ziel ist es, die eigene CO2-Effizienz bis zum Jahr 2020 um 30 Prozent zu verbessern. TNT hat im Rahmen seiner konzernweiten Initiative „Planet me“ sogar das Ziel formuliert, langfristig zu einem CO2- neutralen Unternehmen zu werden. „Ökologisches Bewusstsein und nachhaltiges Handeln sind relevante Faktoren, wenn es darum geht, die Zukunft von Unternehmen der Transportbranche, aber auch der gesamten Wirtschaft, zu sichern“, ist sich Kraus sicher.

Auch GLS hat in seiner Unternehmensgruppe eine Umweltinitiative gestartet, hier heißt sie „Think-Green“. Die Nutzung alternativer Ressourcen und andere ökologische Gesichtspunkte werden beim Bau aller neuen Depots berücksichtigt. Dazu zählen zum Beispiel Fotovoltaik-Anlagen, alternative Heizanlagen, Einsatz natürlicher Baustoffe und Vorrichtungen zur Nutzung von Regenwasser. Die beiden ersten grünen Depots sind bereits in Betrieb. Die dabei umgesetzten Maßnahmen sollen bei GLS als Basis für neue gruppenweite Standards dienen. Mittlerweile positionieren sich alle KEP-Dienstleister umweltbewusst. „Aufgrund der derzeitigen Fokussierung von Frachtraten und Konditionen spielen Umweltgesichtspunkte bei der Dienstleisterwahl noch eine untergeordnete Rolle. Dieses wird sich in den nächsten ein bis zwei Jahren ändern.

Kunden werden zunehmend angehalten sein, ihre Supply Chain ökologisch zu bewerten“, sagt Leo Savor, Senior Consultant und Logistikspezialist bei Kerkhoff Consulting in Düsseldorf.
Wie gut und vor allem mit welcher Wahrnehmung dies umgesetzt wird, werde ein wichtiges Differenzierungsmerkmal bei der Wahl eines KEP-Dienstleisters werden.

Neben sparsamen und alternativen Antrieben sowie Energiesparmaßnahmen in den Verteilzentren und Niederlassungen versuchen alle Dienstleister auch durch bessere Tourenplanungen und Fahrerschulungen die CO2- und Feinstaubemissionen zu reduzieren.

DB Schenker bietet seinen Kunden seit diesem Jahr sogar klimaneutrale Schienentransporte an. Auf Wunsch werden die Waren der Kunden innerhalb Europas gegen einen geringen Aufschlag kohlendioxidfrei transportiert. Dazu wird die für einen Transport benötigte Energie durch regenerativen Strom aus Deutschland ersetzt. Diesen Strom kauft die DB zusätzlich ein.

Druck von allen Seiten

Laut Tim Ulrich, Consultant bei der ITA Consulting in Hamburg, treiben drei Faktoren die umweltbewusste Entwicklung bei den Dienstleistern an. Zum einen hätten die Dienstleister langfristig mit steigenden Ölpreisen zu kämpfen, was aufgrund der hohen Treibstoffkosten zwangsläufig zur Verteuerung der Dienstleistungen führen werde. „Zum anderen erkennen die Dienstleister, dass das Thema Emissionsverringerung und –vermeidung ein wichtiger Punkt auf der politischen Agenda geworden ist. Wir erwarten, dass dieses Thema speziell in Europa auch gesetzgeberische Handlungen nach sich ziehen wird. Modelle wie Emissionsbesteuerung bei Flugzeugen oder Ausweitung der Emissionsgrenzen auch auf Lieferfahrzeuge werden bereits diskutiert“, erläutert Ulrich. Außerdem werde der Trend durch die Kunden angetrieben. „Der Druck der Endkonsumenten wird Schritt für Schritt in der Lieferkette weitergegeben und hat auch die B2B-getriebenen Märkte mittlerweile erreicht“, so Ulrich. Unternehmen gehen immer mehr dazu über, von ihren Lieferanten einen Nachweis über die Höhe der Emissionen – den sogenannten Carbon Footprint (siehe Kasten) – bei der Produkt- und Leistungserstellung zu verlangen. „ Dies gilt im besonderen Maße auch für Anbieter im KEP-Bereich, nicht zuletzt, weil die Transportlogistik für einen erheblichen Anteil der weltweiten Emissionen verantwortlich ist“, so Ulrich. So gibt das World Business Council for Sustainable Development an, dass 26 Prozent der globalen Emissionen nur durch den weltweiten Straßentransport hervorgerufen werden. Experten gehen davon aus, dass das neue Umweltbewusstsein der Logistikbranche sich zwar langfristig auf deren Auftraggeber positiv abfärben könnte, aber auch künftig nicht zu geringeren Dienstleisterkosten führen wird. Im Gegenteil.

„Kostenseitig werden die Kunden nicht von der Einführung von Umweltmaßnahmen bei ihren Dienstleistern profitieren – zumindest nicht kurzfristig“, sagt Ulrich. Durch die Kooperationen mit Fahrzeugherstellern, Entwicklern für alternative Kraftstoffe und durch die Anschaffung alternativer angetriebener Fahrzeuge entstehen den Dienstleistern Kosten, die mittelfristig wohl an die Kunden weitergegeben werden. Hinzu kommen erhöhte Kosten für die Wartung. „Allerdings gehen wir mittelfristig ohnehin von steigenden Preisen aus, da mit steigenden Ölpreisen zu rechnen ist, die im Sinne von Treibstoffkosten einen erheblichen Kostenblock bei den Carriern darstellen. Sofern gesetzliche Regelungen zur Besteuerung von Emissionen eingeführt werden sollten, ist auch in diesem Bereich mit einer anteiligen Weitergabe der Kosten zu rechnen“, so Ulrich.

Doch den Trend zu mehr Umweltbewusstsein in der Transportbranche wird dies nicht umkehren. Und wer sein eigenes Unternehmen als grün positioniert, benötigt dazu passende Dienstleister. Aber nur wenn das Monitoring über entstandene Emissionen lückenlos funktioniert, können Firmen einen Emissions-Fußabdruck über ihre gesamte Liefer- und Leistungskette erstellen. „Um Emissionsaufwände und Einsparungen allerdings genau beziffern zu können und für eigene Zwecke nützlich zu machen, bedarf es deutlich erhöhter Genauigkeit der Dienstleister beim Monitoring und in der Datenerhebung“, sagt Ulrich.
„Hier steht die Industrie- nicht als einzige – noch am Anfang.“